Behindert - na und ?

Integration von Kindern 
mit sonderpädagogischem Förderbedarf

 

Die Zukunft hat bei uns schon begonnen

 

Rahmenbedingungen

„So viel wie möglich gemeinsam, so viel wie nötig getrennt fördern“. Nach diesem Motto starteten wir mit Beginn des Schuljahres 1998/99 im damaligen 5. Jahrgang etwas Neues, nämlich die erste ‚Sonderpädagogische Fördergruppe’ in Wuppertal. Acht Schüler konnten nach vier integrativen Grundschuljahren ihre Schulzeit an unserer Schule gemeinsam mit Regelschülern fortsetzen.

Im Frühjahr 1998 entschieden sich das Kollegium und die Schulkonferenz mit großer Mehrheit für die Einrichtung einer sonderpädagogischen Fördergruppe, wobei unser Konzept vorsah, die Schülerinnen und Schüler den drei Regelklassen zuzuordnen. Das Lehrerteam wurde durch einen Sonderschullehrer und eine Sozialpädagogin ergänzt, die sich beide für die Fördergruppenarbeit interessierten und bereits an der Konzeptentwicklung und dessen Umsetzung in Unterrichtsplanung mitarbeiteten. Die Stadt Wuppertal stellte die finanziellen Mittel zur Beschaffung von Mobiliar für den Förderraum und zusätzlichen differenzierenden Lernmaterialien zur Verfügung.

Noch vor dem Abschluss des ersten Durchgangs 2004 hat unsere Schule sich zur Teilnahme am Schulversuch 'Gemeinsamer Unterricht in der Sekundarstufe I - zieldifferent' entschieden, weil die  Arbeit für uns so „normal“ geworden war, dass wir sie unbedingt fortsetzen wollen. Im Moment besuchen zehn Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf die beiden Klassen im 9.Jahrgang. Das Lehrerteam der zwei Klassenlehrerinnen und des Sonderschullehrers wird verstärkt durch drei SozialpädagogInnen. Ihre Arbeitsstundenzahl richtet sich nach dem Förderbedarf der Schülerinnen und Schüler, der jedes Jahr überprüft und neu festgelegt wird, und wird von der Stadt Wuppertal im Rahmen der Wiedereingliederungshilfe finanziert.

Teamarbeit

Die Arbeit in den integrativen Klassen erfordert eine besonders enge Zusammenarbeit aller Beteiligten. In den wöchentlichen Teamsitzungen, an denen die Klassenlehrerinnen, der Sonderschullehrer und die SozialpädagogInnen teilnehmen, wird die gemeinsame Arbeit geplant und reflektiert.

Außer der Absprache der fachlichen Themen und vieler organisatorischer Fragen geht es vor allem um den Austausch von Informationen über die Lernfortschritte der Förderschüler. Daraus folgt die Fortschreibung der Förderpläne und die Überlegung, welche anderen unterstützenden Maßnahmen notwendig sind. Außerdem werden Hausbesuche bei den Eltern und die Zusammenarbeit mit dem Bezirkssozialdienst oder anderen Beratungsstellen abgesprochen. Das erfordert einen Zeitaufwand, der nur durch die Teamsitzungen nicht zu leisten ist. So sind zusätzliche Arbeitstreffen von zwei oder drei Teamkollegen die Regel.

Gemeinsames Lernen

Seit dem Beginn der Arbeit lag dem Team viel daran, den Grundsatz des gemeinsamen Lernens so oft wie möglich in die Praxis umzusetzen. Das bedeutet für uns nicht nur, gemeinsame Feste zu feiern oder gemeinsame Unterrichtsgänge zu machen und die Förderschüler ansonsten in einer gesonderten Lerngruppe zusammenzufassen. Vielmehr setzen wir gemeinsames Lernen in der täglichen Unterrichtspraxis um. Dabei werden viele Unterrichtsthemen durch eigenen Umgang mit Lernmaterialien und/oder realen Gegenständen „begreifbar“.

Zusätzliche Förderung geschieht in wechselnden Kleingruppen, die sehr wohl mit Regelschülern „gemischt“ sein können und sich nach dem individuellen Bedarf der Schüler in verschiedenen Fächern richten. Die Förderpläne werden regelmäßig fortgeschrieben und finden zum großen Teil ihren Niederschlag in den Wochenplänen für die Förderkinder.

Natürlich brauchen die Förderschüler beim Lernen oft besondere Hilfestellung von den Lehrern und auch Rücksichtnahme von den Mitschülern. Letzteres ist gerade an unserem Schulstandort eine nicht immer einfache Anforderung, weil es auch bei den Regelschülern eine ganze Reihe von Kindern mit Lernschwierigkeiten oder Defiziten im Sozialverhalten gibt. Immer wieder ist aber bei Regelschülern die Bereitschaft zur Hilfe festzustellen. Auch entdecken sie mitunter im Anderssein der Mitschüler eine Bereicherung für sich selbst.

Die wichtigste Erfahrung im ersten Durchgang der Fördergruppenarbeit war für uns, dass es nicht immer klare Grenzen zwischen Schülern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gibt. So nahmen mehrere Förderschüler erfolgreich am Fachunterricht teil. Bei zwei Förderschülern konnte der sonderpädagogische Förderbedarf aufgehoben werden – beide Schüler durchlaufen mittlerweile eine reguläre Ausbildung. Bei anderen Schülern, die in ihrer Grundschulzeit nicht sonderpädagogisch gefördert wurden, erwies sich eine zusätzliche Förderung als notwendig und hilfreich. Am Ende der Schulzeit im Sommer 2004 erhielten drei Förderschüler den Hauptschulabschluss 10 A.

Alle Schüler des „Fördergruppenjahrgangs“ konnten von dieser neuen Form des Lernens mit viel Praxisorientierung und individueller Unterstützung profitieren, was sich darin zeigte, dass es in dieser Stufe kaum Wiederholer gab, und wenn, dann war dies auf sehr unregelmäßigen Schulbesuch zurückzuführen.

Ausblick

Mehrere Merkmale unserer Fördergruppenarbeit fanden sich im Landeskonzept der alten Landesregierung zur Fortentwicklung des Gemeinsamen Unterrichts wieder. Auch die Verabschiedung vom Begriff „Sonderpädagogische Fördergruppe“ hin zu „Integrative Lerngruppe“ freut uns. Allerdings muss klar gesehen werden, dass gemeinsames Lernen in der Sekundarstufe I in unserem gegliederten Schulsystem immer noch eine exotische Ausnahmeerscheinung ist, obwohl alle Untersuchungen belegen, dass heterogene Lerngruppen nicht die Ursache für schlechte schulische Leistungen sind.

Auch das Lernen von uns Kolleginnen und Kollegen lässt sich unter der Überschrift „gemeinsames Lernen“ gut fassen: Wir haben gemeinsam mit den Schülern viele und teilweise neue Erfahrungen gemacht, die uns persönlich, aber auch in unserem fachlichen Können bereichert haben. Dieser Prozess ist nicht zu Ende und setzt sich mit den neuen Klassen fort. Durch die enge Verzahnung im Kollegenteam gibt es einen regen fachlichen Austausch und selbstverständliche gemeinsame Planungen. Das führt bei aller zeitlichen Beanspruchung auch zu persönlicher Entlastung und festigt das Gefühl gemeinsamer Verantwortung. Auch insofern ist die Arbeit ein wichtiger Baustein im gesamten Schulentwicklungsprozess. 

von Manfred Markus / Monika Kietzmann

 

 

 

 

NACHTRAG am 14. Juli 2010

 

Aufgrund einer politischen Entscheidung endet mit den Entlassklassen 2010 diese 12-jährige Tradition der Gertrude.

 

 

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